Sam schlaeft.

Ich könnte ihn jetzt töten – es wäre ganz leicht. Merkt er, wenn ich mich bewege? Würde er sich wehren? Oder wäre er einfach froh, dass dieser Albtraum ein Ende hat?

Wenn man eingesperrt ist, sind die Tage endlos, und als Erstes stirbt die Hoffnung. Wir sind erst zehn Tage hier (oder elf?), aber das normale Leben ist nur noch eine blasse Erinnerung. Nach einem Konzert in London waren wir per Anhalter auf dem Rückweg, da ist es passiert.

Als ich wieder zu mir kam, hämmerte mein Herz. In meinem Mund war Blut. Ich war an einem kalten, dunklen Ort. War das ein Traum? Wir waren ausgeraubt worden. Ausgeraubt und ausgesetzt. Hörte das Arschloch unser Schreien? Wahrscheinlich. Denn als wir endlich Ruhe gaben, passierte es.

19:01:07
Tue 30.08.2016
CAM 2

Ein Handy klingelte. Einen kurzen Moment lang dachten wir, jemand würde uns retten.

 

"Hallo, Amy."

Die Stimme am anderen Ende klang verzerrt, unmenschlich. Ich wollte um Gnade betteln, beteuern, dass alles ein schrecklicher Irrtum sei, aber als sie meinen Name nannte, verlor ich jeden Mut. Ich schwieg, und die Stimme fuhr unbarmherzig fort:

"Auf dem Boden vor dir liegt eine Pistole. Mit einer Kugel. Für Sam oder für dich. Das ist der Preis der Freiheit. Du musst töten, um zu leben. Willst du leben, Amy? Willst du?"

Ich konnte nichts sagen. Mir wurde schlecht.

19:01:07
Tue 30.08.2016
CAM 3
 

Wir sind zu Tieren geworden

- achten weder auf uns selbst noch aufeinander.

Am Anfang war das anders. Wir waren wütend, trotzig. Entschlossen, nicht hier zu sterben, sondern gemeinsam zu überleben.

Bilde ich mir das ein, oder sind unsere Umarmungen kälter geworden? Weniger fest? Seit wir hier sind, haben wir uns Tag und Nacht aneinandergeklammert, uns gegenseitig am Leben gehalten, weil keiner allein an diesem furchtbaren Ort zurückbleiben will.

Aber langsam dämmert uns, dass wir nicht grundlos hier sind. Dass es für uns kein Happy End geben wird.

Ich weiß nur, dass einer von uns sterben wird.

19:01:07
Tue 30.08.2016
CAM 2
 

Zum ersten Mal in ihrem Leben

wusste Detective Inspector Helen Grace keine Antwort. Ja oder nein, schuldig oder nicht schuldig, Helen hatte immer eine Antwort. Aber diesmal nicht. Dieser Fall war anders. Die Entführungsgeschichte war schon verrückt genug, aber dass der Täter eine einzelne Frau sein sollte, war einfach zu viel.

Aber die Zeugenaussage war klar und ohne Widersprüche: Die "Entführerin" hatte straßenköterblonde kurze Haare, Sonnenbrille, schmutzige Fingernägel.

Auf dem Rückweg zur Southampton Central Police Station war Helen klar, dass dieser merkwürdige Fall von jetzt an ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde. Sie würde nicht ruhen, bis sie ihn gelöst hätte.

Ihr Detective Sergeant Mark Fuller hatte ein gutes Ermittlerteam zusammengestellt: die Detective Constables Bridges, Grounds, Sanderson, McAndrew, zusätzlich zum üblichen organisatorischen Personal. Die Ermittlung nahm vor Helens Augen bereits Fahrt auf.

Der Tag war schon voll von bösen Überraschungen gewesen.

Ben Holland und Peter Brightston. Vor drei Tagen als vermisst gemeldet.

 

Immer noch nichts.

Peter hatte sich seit Stunden nicht gerührt. In Ben keimte Hoffnung auf. Kann man vor Angst sterben? Vielleicht hatte Peters Herz einfach aufgegeben. Und wäre das nicht die perfekte Lösung? Sofort plagten Ben Gewissensbisse. Jemandem den Tod zu wünschen. Und falls Peter tatsächlich tot war, würde das überhaupt zählen? Würde man ihn freilassen? Denn letztlich hatte er ihn ja nicht getötet.

War das am Ende irgendein kranker Reality-TV-Streich? 

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Tue 30.08.2016
CAM 7
 
EENE MEENE

Zwei Geiseln. Eine Kugel. Die Entscheidung: tödlich.
Ein perfider Killer kidnappt Paare.
Eine Frau im Kampf gegen das Verbrechen und gegen sich selbst:
Detective Inspector Helen Grace.

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